Olga Lunow

Singen und Fliegen

Ein Thema genau zu beschreiben oder zu erklären ist mir noch nie leicht gefallen, da jedes Thema in irgendeiner Weise auf einem vorigen aufbaut, daraus entstanden ist oder auf eine andere Art und Weise mit einem Thema verbunden ist, an dem ich gerade arbeite. Manchmal entwickelt sich ein Thema, ohne dass ich es aufmale oder festhalte. Doch aus der Idee kann bereits ein neuer Gedanke entstehen, der es unter Umständen aufs Papier schafft. Aus diesem Grund ist es nicht leicht von einem bestimmten Thema zu erzählen, da es genauso wäre, als würde man ein Buch in der Mitte aufschlagen und aus dem Zusammenhang gerissen beginnen zu lesen. Nach ein oder zwei Seiten kann man sich denken, worum die Geschichte eigentlich handelt, und dennoch fehlt einem das Vorangegangene.
Gleichwohl möchte ich hier versuchen ein Kapitel von vielen zu kommentieren. Das Kapitel heißt „Singen und Fliegen“ und handelt wie so vieles, oder wie fast alles in unserer Welt und unserem Leben, von Frauen und Männern, von Menschen.
Bevor sich das Fliegen herausgebildet hat, behandelte ich das Thema „Fallen“. Fallen ist für uns Menschen meistens etwas Unangenehmes. Man kann hinfallen, indem man über etwas stolpert oder geschubst wurde. Für alte Menschen ist das Stürzen nicht ungefährlich. Es ist etwas, über das wir keine Kontrolle haben. Es ist etwas Ungewolltes. Viele Menschen würden sicher vorziehen das Stolpern und Stürzen zu vermeiden. Doch wie kleine Kinder, sind wir den Unebenheiten des Lebens ausgeliefert. Wir stolpern über Worte, die wir nicht kennen, Stürzen über unebene Wege oder „Fallen aus allen Wolken“ über etwas Unvorhergesehenes. Immer wieder sind wir der passive Gegenstand unserer selbst, der durch andere Einflüsse gelenkt und beeinflusst wird.
Nun habe ich ein Kapitel vorgeblättert, doch will ich jetzt auf das Fliegen zurückkommen. Obwohl das Kind dem Stolpern und Hinfallen hoffnungslos ausgeliefert ist und sich verletzen kann, sollte nicht übersehen werden, dass es durch das Stürzen das Laufen erlernt. Und somit kommen wir vom negativ assoziierten Fallen in das selbstbestimmte, aktive Fallen: Vom Objekt zum Subjekt. Wir stürzen nicht mehr, sondern wir springen. Wir entscheiden, ob wir den Schritt ins Leben wagen, obzwar wir nicht wissen wohin es geht, oder ob wir es vorziehen am Rand zu bleiben. Viele Menschen entscheiden sich am sicheren Rand zu verweilen, während andere mit dem Regenschirm durch die Luft segeln und das Leben leben.
Oft ist es gut nicht zu wissen, wohin es geht und dennoch aktiv sich zum Sprung zu entscheiden, um das Fallen in ein Fliegen zu verwandeln.

Der zweite Teil des Kapitels beinhaltet das Singen. Wie Sie vielleicht schon bemerkt haben, mögen diese beiden Themen auf den ersten Blick nicht unbedingt etwas gemeinsam haben. Doch stellen Sie sich jemanden vor der fällt, springt oder fliegt: er wird schreien! Wenn nicht aus Angst, dann vor Begeisterung der Einzigartigkeit des Augenblicks.
Beobachtet man nun jemanden der singt und hält sich die Ohren zu oder schaltet den Ton aus, so ist oft kaum zu unterscheiden, ob derjenige singt oder schreit. Der Unterschied zwischen einem unkontrollierten Schrei und einem durchdachten Ruf oder Gesang, ist genauso weit voneinander entfernt, wie andere Gefühle, zum Beispiel Liebe und Hass, bei denen auf beiden Seiten mindestens gleichartig intensive Emotionen ausgedrückt werden.
Musik spielt in meinem Leben eine große Rolle und hat mich schon immer begleitet. Viele Gefühle und Gedanken, die nicht mit Worten beschrieben werden können, finden durch Musik einen Ausdruck.
Interessant ist auch der Gegensatz zwischen dem Gesehenen und dem Gehörten: Während der Singende meistens entstellt und dem eigenen Selbst entrückt erscheint, so ist doch das Erzeugte in gewisser Weise genau das Gegenteil. Und vielleicht gelingt es mir eines Tages diese Schönheit in ihrem Gegensatz durch ein gemaltes Bild festhalten zu können, sodass man während des Betrachtens hören kann, was das Bild zu singen scheint.

Ein weiterer Gegenstand der genannten Kapitel ist das Zeigen und Deuten. Es ist das Zeigen an den Bildrand oder in eine bestimmte Richtung, wobei man sich als Betrachter nie sicher sein kann, auf was der Gemalte eigentlich wirklich zeigt.
Natürlich behandelt das Thema auch den inneren Konflikt des beständigen Suchens nach der richtigen Richtung im Leben. In der heutigen Mediengesellschaft und der gnadenlosen Ablenkungsindustrie kommt es nicht selten vor, das eigene Selbst einschließlich der eigenen Richtung aus den Augen zu verlieren. Dieser Zwiespalt zwischen sich selbst und dem Rest der Welt wird unglücklicherweise von den Medien verstärkt, die uns das Gefühl geben, dass alle wissen wo lang es geht außer uns selbst.
Dabei ist in meinen Augen viel wichtiger zu wissen, dass man geht anstatt wohin man geht. Hier entsteht der Zusammenhang zum Thema des aktiven Fallens, denn man könnte es auch das „sich Fallen lassen“ nennen: Sich ins Leben fallen lassen, und zwar mit Schwung!

von C. Lunow

 

OLGA LUNOW

1965 Geboren in Berlin

1986 Studium am Fachbereich 1 der Hdk Berlin
Freie Malerei bei Professor H. Bachmann und Professor Peter Chevalier

1988 Studium am Fachbereich 9 der Hdk Berlin
Bühnenkostüm bei Professor Martin Rupprecht

1995 Abschluß als Meisterschülerin

Seit 1994 Malerin, Bühnen- und Kostümbildnerin in Berlin, Brandenburg und Sachsen

Einzel- und Gruppenausstellungen in Berlin, Dresden und Umland

Mitglied im Berufsverband Bildender Künstler

Lebt in Berlin

www.olgalunow.de

 


 

 

 

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